Ben Johnson et al.

veröffentlicht: 23. September 2008, 16:29 - zuletzt bearbeitet: 23. September 2008, 22:27

“I did nothing wrong, I didn’t kill anybody. Nobody died in my family, so why should I worry?”
Ben Johnson

Und noch ein Jubiläum, drei Tage nach dem zehnten Todestag von Flo Jo: Am 24. September 1988 – am Tag, als Kristin Otto ihre fünfte von sechs Goldmedaillen gewann - raste Benjamin Sinclair “Ben” Johnson in Seoul 9,79 Sekunden. Kurz darauf war er seine Goldplakette wieder los. Da kann der Witz-Bolt noch so schnell rennen, da kann The Big M noch so oft gewinnen: Der 100-Meter-Lauf am 24. September 1988 in Seoul bleibt die spektakulärste Entscheidung der olympischen Geschichte – und Big Ben, heute 46 Jahre alt und Opa, der bekannteste Betrüger aller Zeiten. Das Ergebnisprotokoll:

Hier der Lauf, zwar mit stotterndem finnischen Kommentar, dafür aber mit dem besten Bild, das ich auf Youtube dazu gefunden habe:

 

Ben Johnson (sehr guter Wikipedia-Eintrag mit all den Wirren der Johnson-Karriere, um Längen besser als die deutsche Version) und sein damaliger Trainer Charlie Francis, der später auch mal Marion Jones coachte, stricken bis heute Verschwörungstheorien um den positiven Dopingtest. Sie haben mit allem möglichen Zeug gedopt, angeblich nur nicht mit Stanozolol. “Wäre alles so gekommen, wenn Ben Amerikaner gewesen wäre?” fragt Charlie Francis gern. Wahrscheinlich nicht. Schließlich hatte Carl Lewis, wie etliche andere Amis auch, bei den Trials ein paar Wochen zuvor in Indianapolis, eine positive Probe. Doch die Fälle wurden vom Verband USATF und vom USOC vertuscht, wie so oft.

Von den acht Finalisten damals in Seoul sind nur der Brasilianer Robson da Silva und der Amerikaner Calvin Smith, ehemals Weltrekordler, nie positiv getestet worden. Was letztlich auch nichts besagt. Außer Johnson wurden im Laufe der Jahre erwischt:

Dieser Tage soll Johnsons Autobiografie “Seoul to Soul” erscheinen. Er wird darin all seine Geschichten noch einmal erzählen. Und er wird wiederholen, was er immer sagt (zum Beispiel in diesem Interview bei 7:30 min):

“I don’t regret.”

Alle tauchen sie in “Seoul to Soul” auf: Doping-Coach Charlie Francis, Doping-Arzt Jamie Astaphan, Doping-Masseur Waldemar Matuszewski, sein Agent Larry Heidebrecht, seine Mit-Doper wie Angella Issajenko, die wie Johnson aus Jamaika stammt und in ihrer Biografie “Running Risks” schon 1990 ein Buch vorgelegt hat, dass ich für eines der wichtigsten, nun ja, Drogen-Aufklärungsbücher halte, weil es in wunderbarer Weise die verkommenen Strukturen, die Gier, die Brutalität und die Seelenlosigkeit dieses Drecksgeschäfts Showsport beschreibt. An den Strukturen hat sich, Wada hin oder her, bis heute nichts grundlegend geändert. Und, nicht zu vergessen: zum System Johnson gehörten auch Verbandsfunktionäre. Der damalige Präsident der Canadian Track and Field Association etwa, Jean-Guy Ouellette, hatte gern bei europäischen Meetingorganisatoren angerufen und sich nach den Dopingkontrollen erkundigt. Die Infos gab er sofort an Charlie Francis weiter. Jean-Guy Ouellette ist derzeit wieder Boss (Chairman of the Board of Directors) des Verbandes, der jetzt Athletics Canada heißt. So etwas nennt man wohl olympische Kontinuität. Und das, obwohl Ouellette, wie viele andere, im Bericht des Richters Charles Dubin, der an 91 öffentlichen Anhörungen zwischen 1988 und 1989 insgesamt 122 Zeugen zum Fall Johnson vernahm, als Mittäter bloß gestellt wurde.

Ouellette ist nur ein Beispiel von vielen.

Den Dubin-Report kann ich leider nicht als pdf hochladen, hier nur mal eine Summary desselben (44 Seiten, pdf, 1,2 MB) von Dick Moriarty: Legislation and Litigation Resulting from the Canadian Commission of Inquiry into the Use of Drugs and Banned Practices Intended To Increase Athletic Performance. Wer sich das antun will: niemand wird dümmer dabei.

Ich habe für diesen kleinen Beitrag auch in den Büchern von Issajenko, Richard Pound und Brigitte Berendonk nachgelesen. Sehr frustrierend. Zum Thema Verlogenheit und Sportjournalismus noch flink zwei TV-Empfehlungen von der Webseite der Canadian Broadcasting Corporation:

1) Eine Jubel-Prosa auf Ben Johnson (“Built for speed”) vom Mai 1987, in der auch diverse so genannte Sportwissenschaftler (ein Problem für sich, weltweit) ihren Unsinn zur “ultimate running machine” absondern dürfen – und Charlie Francis sagt: “This is purely physical!”

2) Als die positive Probe dann da ist, schwenken die TV-Reporter um und aus der “ultimate running machine” wird im September 1988 plötzlich: “Canada’s shame”.

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